Happy Birthday, Gabriele Braun!

„1967 – Gabriele Braun beginnt ihre Tätigkeit in der Kunstabteilung des Antiquariats am 1. April 1967. Sie ist zunächst als Assistentin von Ernst Nolte mit der Katalogisierung von Handzeichnungen und Graphik für die Kunstauktionen befaßt. Ihr Aufgabenkreis erweitert sich schnell, und sie übernimmt ab etwa 1971 in Zusammenarbeit mit Ernst Nolte die selbstständige Bearbeitung der Kataloge Alter und Moderner Kunst.“ So heißt es im so genannten „Arbeitsbericht“, in dem Ernst Hauswedell akribisch die Geschichte seines Hauses in ihren wichtigsten Stationen von 1927 bis 1981 aufgelistet hat.

In ihrem Kurzporträt, mit dem sie Gabriele Braun im April 2005 in der FAZ zu ihrem 60. Geburtstag gratulierte, adelte Vita von Wedel die Auktionatorin zur „Königin der Kataloge“ [https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunstmarkt/portraet-koenigin-der-kataloge-gabriele-braun-zum-sechzigsten-1282592.html], und begründete diesen Titel mit ihren „besonderen Verdiensten […], die heute auch in internationalen Auktionskatalogen weithin üblichen, ausführlichen und wissenschaftlichen Beschreibungen der Kunstwerke etabliert zu haben. Auslöser war der fundierte Katalog, den sie für die Versteigerung der bedeutenden Kollwitz-Sammlung Salman Schocken im Jahr 1967 erstellte. Seither charakterisieren die gründlichen Recherchen und die eleganten Formulierungen von Gabriele Braun die Kunstkataloge von Hauswedell & Nolte und prägen das Bild des Hauses nach außen nachhaltig.“

Dies taten sie bis zum letzten Katalog der Auktion mit der Nummer 466, Kunst nach 1945, am 12. Dezember 2015, mit der Gabriele Braun und ihr Gatte Ernst Nolte die Geschichte des Hauses Hauswedell & Nolte abschlossen. Heute, am 27. April 2020, feiert Gabriele Braun ihren 75. Geburtstag und wir gratulieren ihr sehr herzlich, auch im Namen aller Mitglieder des ZADIK e.V. und des ZADIK-Teams, mit dem Frau Braun und Herr Nolte, seit sie im Mai 2016 dem ZADIK ihr Archiv übergeben haben – von wegen „Ruhestand“, weiter arbeiten müssen, nachdem sie zusammen schon „hundert Jahre“, sie 48 und er 52, „in dieser Firma gearbeitet“ hatten, wie Ernst Nolte im Dezember 2015 Tobias Timm für DIE ZEIT erzählte. „Das ist ein schöner Zeitpunkt, um aufzuhören.“ https://www.zeit.de/2015/50/kunstmarkt-hauswedel-und-nolte-auktionshaus.

Angefangen hat es für Gabriele Braun, in Füssen geboren und aufgewachsen in Stuttgart und im Allgäu, mit einer Lehre in der 1929 gegründeten Galerie von Fritz C. Valentien in Stuttgart. Eigentlich hatte sie Kunst studieren wollen, früh zu malen begonnen, schon zu Schulzeiten Abende in der Staatsgalerie verbracht und die beiden großen Stuttgarter Sammler Ottomar Domnick und Max Fischer besucht, um deren Werke zu sehen. Die Sammlung Fischer mit (unter anderem) frühen und bedeutenden Zeichnungen Alfred Kubins sollte sie in Teilen anlässlich ihrer Versteigerung im Herbst 2008 wiedersehen – und katalogisieren. Mit der klassischen französischen und deutschen Moderne, die nach ihrer Geburt ihre ‚Rehabilitation‘ erfuhr, ist sie aufgewachsen. Im Spätsommer 1960 hat sie in der Londoner Tate Gallery die große Picasso Ausstellung gesehen, und seitdem zählt der Künstler zu ihren ‚Leitsternen‘.

Die Hamburger Firma Dr. Ernst Hauswedell & Co, in die sie 1967 im Alter von 22 Jahren eintrat, war 1927 als "Der Deutsche Buch-Club" gegründet worden. Mit dem Wirtschaftswunder hatte das Haus, das seit 1935 auch alte und seit 1936 moderne Grafik und seit 1948 auch Ostasiatika versteigerte, zu prosperieren begonnen und den Kunstsektor um orientalische, afrikanische und präkolumbische Kunst erweitert. Nachdem Roman Norbert Ketterer im Jahr 1962 sein Stuttgarter Kunstkabinett, Deutschlands damals führendes Auktionshaus, geschlossen und Hauswedell zum 15.9.1963 Ernst Nolte eingestellt hatte, füllte dieser schnell die Lücke und machte die Firma, die ab dem 1.1.1969 Hauswedell & Nolte hieß, bald zur ersten Adresse für Kunst der Moderne, insbesondere des Expressionismus.

Das Jahr 1967 war ein Schlüsseljahr in der Entwicklung des Hauses und zudem ein international beachteter Meilenstein in der Entwicklung der Kunstauktionen. Ernst Hauswedell hatte in diesem Jahr das Patrizierhaus am Pöseldorfer Weg 1 gekauft, wo ab sofort in einem angebauten Saal die Versteigerungen stattfanden. Ernst Nolte hatte am 30.3. Einzelprokura erhalten. Als Gabriele Braun gerade eingestellt war, flog Hauswedell nach Jerusalem, um dort aus dem Nachlass des 1959 verstorbenen Konzernherrn, Verlags- und Zeitungsgründers (Haaretz) Salman Schocken die umfangreichste und wertvollste Kollwitz-Sammlung abzuholen, die nach 1945 in den Handel kommen sollte: 58 Handzeichnungen und 219 druckgraphische Blätter, von denen nicht wenige in den damals gültigen Werkverzeichnissen von Max Lehrs, Johannes Sievers und August Klipstein nicht vermerkt waren. In elf Tagen und Nächten schrieben Nolte und Braun den Katalog, und schon am 5. Juni 1967 kamen die Werke in die Auktion 152 Käthe Kollwitz – Zeichnungen, Graphik, moderne Kunst, dekorative Graphik, die in der Presse als internationaler Coup gefeiert wurde und die höchsten bis dahin erzielten Preise für die Künstlerin hervorbrachte. Lesen Sie hier den dazu im Spiegel erschienenen Bericht: https://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/46394398.

Eine Sensation in den Jahren 1970/71 war die Versteigerung der Königlichen Ernst August Fideicomiss-Bibliothek mit 80.000 Bänden in 5490 Losen. Im Kunstsektor erfolgte der Durchbruch an die deutsche Spitze im Jahr 1971 mit einer äußerst hochkarätigen und umfangreichen Auktion, deren Publikumsandrang die in Deutschland erstmalige Fernsehübertragung in mehrere Säle erforderte. 1973 wurde die Firma in eine Kommanditgesellschaft umgewandelt, mit Dr. Ernst Hauswedell als Kommanditist und Ernst Nolte als persönlich haftendem Gesellschafter. Mit Ablauf des 50. Jahres ihres Bestehens schied Hauswedell zum 31.12.1977 aus der Firma aus, die fortan von Ernst Nolte allein geführt wurde. 1978 nahmen Ernst Nolte und Gabriele Braun die zeitgenössische Kunst in ihr Angebot auf.

Schon In den 1970er Jahren hatte sich ein fester amerikanischer Kundenkreis etabliert, für den man schließlich eigene Büros in New York (1983) und später in Los Angeles eröffnete. Sehr gute Beziehungen pflegte man in dem 1980er Jahren zum New Yorker Museum of Modern Art, welches nicht nur bei Hauswedell & Nolte kaufte, sondern dort auch aus eigenen Beständen einlieferte. Auch privat war man seinem Gründungsdirektor Alfred H Barr. jun. und seiner Frau verbunden, aus deren Sammlung auch einzelne Stücke zur Auktion kamen. Über Barr entstanden ebenso gute Kontakte zu John Rewald, dem gebürtigen Hamburger, dem Barr bei seiner Immigration in die USA geholfen hatte, und mit Rewalds Tochter Sabine, der entscheidenden Expertin für das Werk von Balthus.

Mit einem 'Lüsterweibchen' von Tilman Riemenschneider, das 1985 für 1,3 Millionen DM versteigert wurde (heute Sammlung Würth), erfolgte der erste Millionenzuschlag auf einer Auktion in Nachkriegsdeutschland. Zum selben Zuschlagspreis in Euro erwarb 2001 der polnisch-schweizerische Galerist und Sammler Jan Krugier Caspar David Friedrichs bedeutende Sepiazeichnung 'Blick auf Arcona', die nach seinem Tod für die Hälfte des ehemaligen Zuschlags in London versteigert wurde.

Als erstes Haus auf dem europäischen Festland führte Hauswedell & Nolte 1990 eine eigene Auktion mit eigenem Katalog für 'Kunst nach 1945' ein. In seinen Kernsektoren der Buchkunst, der alten und modernen Grafik und des Expressionismus konnte Hauswedell & Nolte in den Folgejahren weitere Marken setzen und Weltmarktpreise erzielen. Ernst Nolte wurde geschätzt für sein Aufspüren singulärer Werke und seine auf langjähriger Autopsie und Kennerschaft basierende, seriöse Begutachtung und Akquisition höchst qualitätvoller Einzelstücke und insbesondere kompletter bedeutender Sammlungen, die stets in vorbildlicher Weise katalogisiert und bewertet wurden, wozu man bei Bedarf auch zahlreiche Spezialisten aus verschiedenen Museen hinzuzog. - Nicht wenige Spezialisten, von denen sich einige später selbstständig gemacht haben, haben Nolte und Braun auch selbst ausgebildet. - Zu den herausragenden Sammlungen, die sie begutachtet und bewertet haben, zählen die Sammlung Sprengel in Hannover (samt späterer Neuzugänge im Sprengel Museum), Teile der Sammlung Piepenbrock, Berlin (über Brusberg), Teile der Sammlung Pelikan (Beindorff, Hannover) und zuletzt die Sammlung (von ihm selbst als „Ansammlung“ bezeichnet) von Helmut Schmidt zum Zwecke ihrer Überführung in die Stiftung des Altbundeskanzlers.

Durch persönliche Verbindung zu amerikanischen Händlern wie Serge Sabarsky (NY), Leonard Hutton (NY), Sammlern wie Lionel Epstein (Washington), dessen bedeutende Munch-Sammlung die National Gallery in Washington erhielt, Nelson Blitz (NY), mit einer Sammlung von Hauptblättern Kirchners und Munchs, Gore Rifkind (LA), Marvin Fishman (Milwaukee), um nur einige zu nennen, gelangte deutsche Kunst (zumeist aus Emigrantenbesitz) aus den USA wieder nach Deutschland. Manches ging auch den umgekehrten Weg. Auch Heinz Berggruen gehörte zu den regelmäßigen Teilnehmern der Auktionen: das Klee-Aquarell von 1920 mit dem berührenden Titel 'Bilderinschrift für Irene, wenn sie einmal größer ist“ hängt in seinem Berliner Museum.

Seit Anfang der 1990er Jahre besuchte Gabriele Braun einmal jährlich für rund zehn Tage alte und neue Kunden in New York, Chicago, Boston und anderen Orten. Gerne erinnert sie sich an ihren Besuch des legendären Literatur- und Kunstverlegers George Braziller im Februar 2006, als dieser 90 Jahre alt war, um über eventuelle Auktionseinlieferungen zu sprechen. Im Verlauf des Gespräches bat sie, einen Blick in seine Backlist tun zu dürfen und entdeckte darin den Verleger und Dichter Michael Krüger. Braziller betonte daraufhin, er hätte das bedeutendste Buch über die Kunst des 19. Jahrhunderts von „Weurner Hafman“ verlegt, womit er Werner Hofmann und Das Irdische Paradies meinte. Auf seine Frage, ob Hofmann denn noch lebe, er müsse ja uralt sein, konnte sie ihm mitteilen, dass sie ihn tatsächlich kürzlich - lebend - in der Kunsthalle angetroffen habe. Zurück in Hamburg erzählte sie Werner Hofmann von ihrem Treffen, worauf dieser meinte „Was, der lebt noch – der muss ja uralt sein!“

Bis zur letzten Auktion am 11. und 12. Dezember 2015 hat das Haus in den fast neunzig Jahren seines Bestehens insgesamt 466 Auktionen erlebt und dabei mehr als 530.000 Kunstwerke versteigert. Im März 2016 wurde die Firma aufgelöst; das Firmenarchiv ins ZADIK nach Köln überführt und die außerordentlich umfangreiche Handbibliothek zu Teilen nach China verkauft. „Es war zum richtigen Zeitpunkt“, resümiert Gabriele Braun, die dem heutigen Kunstmarktgeschehen eher skeptisch gegenübersteht. „Eine breitere Schicht enthusiastischer Sammler mit Kennerschaft sehe ich nicht mehr. Es geht mehr und mehr darum, sich als Besitzer von Kunstwerken zu profilieren, möglichst von Künstlern, die als Marke erkennbar sind. Während früher überwiegend Händler Auktionen nutzten und Galeristen Künstler entdeckten und aufbauten, wird das Geschehen heute durch wenige große Häuser und Galerien dominiert. Kunstmessen bieten dem Interessenten die Möglichkeit, Vielfalt in verdichteter Form zu erleben, weshalb Sammler und Kuratoren vermehrt dieses Angebot nutzen und als Besucher von Galerien am Ort oder bei dem selbsttätigen Aufspüren von Angeboten ausfallen.“

Gabriele Braun und Ernst Nolte genießen die gewonnenen zeitlichen Freiräume, können sich ihrer großen Bibliothek widmen und - was früher zu kurz kam - auch überregionale Kulturangebote wahrnehmen. Zwischendurch helfen sie dem ZADIK-Team beim richtigen Verstehen des Firmenarchivs, das mit mehr als fünfhundert Regalmetern den umfangreichsten Bestand im ZADIK bildet und im Detail erzählen kann, was hier aus der ruhmreichen Geschichte des Hauses nur angedeutet werden konnte. Da die fortschrittliche Firma bereits seit 1992 ihre Geschäfte mit elektronischer Datenverarbeitung abwickelte, konnten wesentliche Dokumentationen digital in die Datenbank des ZADIK importiert werden. Auch wenn umfangreiche Fördermittel des Landes Nordrhein-Westfalen und der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien grundlegende Archivierungsarbeiten ermöglichen und das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste großzügig die Erschließung der für die Provenienzforschung relevanten Daten unterstützt, wird das ZADIK mit diesem inhaltsreichen und wertvollen Bestand eines der wenigen, in öffentlichen Besitz gekommenen Archive eines privaten Auktionshauses noch über Jahre hinaus beschäftigt sein.